"Durch gewundene Abwasserkanäle, unter den Füßen bewaffnete Wächter, schlichen sie sich eines Nachts in das größte Kaufhaus der Stadt. Cosmos musste sowohl Nascimento wie Alfredo verhauen, damit sie ihre Taschen nicht mit den Kostbarkeiten des Warenhauses füllte.
Sie waren nicht zum Stehlen gekommen, sondern um ihre Spuren zu hinterlassen und eine Trophäe zu ergattern. Unter der Anleitung von Cosmos und Nelio vertauschten sie Waren, legten Radiogeräte in die großen Gefriertruhen, füllten die leeren Brotkörbe mit Schuhen und hängten gefrorene Hähnchen an leere Kleiderbügel in der Abteilung für Damenbekleidung. Als letztes schraubten sie die Messingplakette ab, die am Haupteingang hing, zur Erinnerung an die Eröffnung des großen Kaufhauses durch den Präsidenten. An ihre Stelle nagelte Pecado eine tote Eidechse, die er von Alfredo Bomba bekommen hatte, und so lautlos, wie sie gekommen waren, verließen sie das nächtliche Gebäude.
Am folgenden Tag war Cosmos und Nelio zugegen, als das Kaufhaus seine Türen öffnete. Sie sahen die Fassungslosigkeit der Wächter und später die Verblüffung der herbeieilenden Chefs, als diese feststellten, dass bis auf die Messingplakette nichts gestohlen war. Als die Polizei schließlich eintraf, lag Alfredos tote Eidechse auf einem silbernem Tablett, und keiner wagte sie anzufassen.

In einer anderen Nacht besuchten sie das große weiße Hotel, das auf einer Anhöhe über dem Meer lag. Sie drangen durch einen Entlüftungsschacht ein, der in den schroffen Steilhang mündete. Indem sie einander wie Affen auf die Schultern stiegen, hangelte sie sich bis zu dem Schacht hoch und gelangten schließlich in die großen Säle mit Marmorböden und meterhohen Blumentöpfen. Sie bewegtren sich mit größter Vorsicht, da das Empfangspersonal, Wächter und schlaflose Gäste in der düster beleuchteten Sälen wachten. Im Café mit den weichen Sesseln aßen sie das Gebäck, das noch in der goldumrandeten Kühltheke lag.
Auch hier ließen sie eine glänzende Plakette mitgehen, die in dem großen Foyer zwischen zwei Säulen angebracht war, zum Gedenken an den Tag vor vielen Jahren, also Dom Joaquim das neu errichtete Hotel eingeweiht hatte. Alfredo Bomba drückte seine tote Eidechse in dem Hohlraum fest, den das Messingschild hinterlassen hatte. Behutsam legte Nelio der Eidechse ein Gebäcksstück ins Maul, bevor sie wieder durch den Entlüftungsschacht verschwanden.
Was am folgenden Tag geschah, erfuhren sie nicht, denn niemals wären sie an den Wächtern vorbei durch die Drehtür des Hotels gelangt. Aber sie konnten es sich genau ausmalen.

Nelio und Cosmos wurden immer dreister. Sie drangen ins Parlament ein, schraubten den Griff vom Hammer des Präsidenten ab und bohrten dafür eine Eidechse hinein. Sie forderten sich gegenseitig heraus, indem sie anderen ihre Überlegenheit zeigten. Sie forderten die aufgeblasene Selbstgefälligkeit des Reichtums heraus, indem sie zwei begleitenden Motorradpolizisten auf dem Asphalt zu brachten, als ein Minister mit seiner Eskorte immer kurz vor der großen Kreuzung das Mittelfeld der breiten Avenue überquerten. Als das Heulen der Sirenen aus der Ferme ertönte und alle Autofahrer zu Seite wichen, hatte Tristeza und Nascimento rasch schwarzgefärbte Glasspliter über das Mittelfeld gestreut und waren dann hinter ein geparktes Auto geschlüpft. Hinterher, als die Motorradfahrer gestürzt waren und der ganze Troß gestoppt wurde, hatte eine Eidechse zwischen den schwarzen Glasstücken gelegen.

Ausführlich erörterten Cosmos und Nelio, was die größte Herausforderung wäre, die sie einander stellen könnten. Sie diskutieren, alle Gefangenen aus dem städtischen Gefängnis freizulassen, jeden einzelnen mit einer toten Eidechse in der Hand. Lange erwogen sie, eines Nacht das Programm des lokalen Radiosender zu stören. Schließlich aber einigten sie sich darauf, bei Nacht in den Palast des Präsidenten einzudringen, bis in das Zimmer, in dem er schlief, und eine Eidechse auf seinem Nachttisch zu legen. Das würde ihre letzte Herausforderung sein. Aber niemand sollte he sicher sein können, ob sie nicht eines Tages wiederkämen.

Sie brauchten über ein Jahr, um den Besuch im Schlafzimmer des Präsidenten vorzubereiten. Unterdessen ging ihr rastloses, unruhiges Leben auf den Straßen weiter. Sie kämpften mit den anderen Rudeln um ihr Revier, sie lebten in ständiger Fehde mit den indischen Händlern, mit den Polizisten und mit sich selber. Sie wuschen und beachten Autos, durchsuchten die Mülltonnen nach Essbaren und verfeinerten Alfredo Bombas Bettelkunst. Gelegentlich wurden sie von der Umwelt belästigt, meistens in Form von weißen Menschen, die ihre Sprache nur sehr schlecht beherrschten. Entweder wollten sie das Rudel in etwas mitnehmen, das sie als ein großes Haus beschrieben, in dem es Essen und Badewannen und einen Gott gäbe. Cosmos beauftragte gewöhnlich Mandioca, mitzugehen und herauszufinden, worum es sich handelte. Aber Mandioca kehrte mein schon am nächsten Tag zurück und konnte mitteilen, es sei wieder eine Anstalt, wo man sie verwandeln und ihnen das Recht nehmen wollte, auf der Straße zu leben.

Mitunter erschienen Leute mir Schirmmützen, beladen mit großen Kamera, und wünschten, dass sie für sie posierten. Cosmos verlangte sofort Bezahlung, worauf die Männer mit den Kameras und die dünnen Frauen mit Stiften in den Händen gewöhnlich mit missvergnügter Miene abzogen. Falls die Männer mit den Kameras bereit waren zu zahlen, posierten sie willig. Sie brillierten im Ausdruck von Hunger, Schmerz, Verlassenheit, Schmutz, Roheit, diebischer Gier und unschuldiger Freude. Cocmos inszenierte, und jeder erhielt die im gemäße Aufgabe. Für das Geld kauften sie in der Regel etwas zu essen. Meist Hähnchen, die sie unten an der geborstenen Hafenmauer grillten. Die Tage mit den Kameraleuten und den dünnen, stiftbewehrten Frauen waren satte Tage. Hinterher ruhten sie im Schatten unter den Palmen und schwatzten. Cosmos ließ Nelio an seiner Seite liegen, während die anderen sich in respektvollem Abstand hielten. Cosmos schaute gern aus Meer hinaus, am letzten Hühnerbein nagend, und redete über alles, nur nicht über sich selbst. Die Herkunft von Cosmos war etwas, worüber Nelio sich oft Gedanken machte. Er wusste jedoch, Cosmos würde niemals antworten, wenn er ihn fragte. Manchmal dachte Nelio, Cosmos sie schon immer ein fertiger Mensch gewesen. Er sei als der geboren worden, der er war, und würde sich auch niemals verändern. Das würde auch erklären, warum er nie über seine Vergangenheit sprach. Er sprach nicht darüber, weil sie nicht existierte.

Die satten Tage konnte Cosmos in eine philosophische, träumerische Nachdenklichkeit versetzen.
’Wenn du Tristeza oder Alfredo oder einen der anderen fragen würdest, was sie sich am meisten im Leben wünschen, was meinst du, würden sie antworten?’
Nelio überlegte
’Verschiedenes’, meinte er.
’Da bin ich nicht sicher’, sagte Cosmos. ’Gibt es etwas, das über allem anderen steht? Über Müttern und satten Bäuchen und fernen Dörfern mit Kleidern und Autos und Geld?’
Sie lagen schweigend da, während Nelio nachsann.
’Personalausweise’, sagte er schließlich. ’Ein Papier mit einem Foto, das sagt, dass man genau der ist, der man ist, und niemand anderer.’
’Ich wusste, dass du es erraten würdest`, sagte Cosmos. `Das ist es, wovon wir träumen. Personalausweise. Aber nicht, damit wir wissen, wer wir sind. Das wissen wir auch so. Sondern damit wir ein Papier besitzen, das und das Recht gibt, der zu sein, der wir sind.’
’Ich habe nie einen Personalausweis besessen’, meinte Nelio nachdenklich.
’Wir sollten und welche besorgen’, sagte Cosmos. ’Wenn wir das Schlafzimmer des Präsidenten besucht haben, werden wir und Personalausweise besorgen.’
’Was passiert, wenn man uns erwischt?’, fragte Nelio. ’Was passiert, wenn der Präsident aufwacht?’
’Er wird vermutlich um Hilfe rufen.’, erwiderte Cosmos. ’Er wird sein wie Nascimento. Er wird glauben, dass er von Monstern träumt.’
’Wenn ich Präsident wäre`, sagte Nelio, ’was würde ich tun?’
’Dich jeden Tag satt essen.’
’Mich jeden Tag satt essen. Und dann?’
’Das Dorf aufbauen, das die Banditen niedergebrannt haben. Deine Mutter und deinen Vater und deine Geschwister ausfindig machen. Versuchen Yabu Bata zu finden. Den zahnlosen Mann ins Gefägnis werfen. Du hättest viel zu tun.’
Cosmos gähnte.
’Wenn ich Präsident wäre, würde ich abtreten,’ sagte er und rollte sich zum Schlafen auf die Seite. Wie sollte der Anführer einer Gruppe von Straßenkindern zeit haben, Präsident zu sein?

Henning Mankell – Der Chronist der Winde (Seite 134 – 139)




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